Swiss Peaks Trail

Ca. 20 Stickpacks Tailwind, 25-30 Gele, 8 Haferriegel, mind. 30 Becher Bouillon, 40 Scheiben Baguette oder Brot und ebenso viel Nudeln, Linsen, Gemüse und was sich sonst so fand und ein Großteil dieser gut 44 Stunden wären ausreichend beschrieben. Vom Wasser mal ganz zu schweigen, nicht zu vergessen die drei alkoholfreien Weizen zwischendrin, welche als wichtige mentale Anlaufpunkte fungierten.

Soviel zur Verpflegung aber zum Glück wurde in der übrigen Zeit ja noch ein bisschen gelaufen und das in diesem Fall nicht zu knapp. Denn auch wenn ich hier nur von der Halbdistanz des Swisspeaks berichte, so waren es in Summe immer noch knappe 170 km in teilweise hochalpinen Gelände mit gut 11000 hm im Aufstieg und knapp 13000 hm im Abstieg.

Also eine mehr als würdige Alternative zum coronabedingten Ausfall des UTMB und eine spannende Premiere für mich auf dieser Distanz.

Start dieses kleinen Swisspeaks war unterhalb des Lac des Dix auf gut 2000 m Höhe vor einer mehr als beeindruckenden Staumauer. Das ganze lief sehr entspannt ab und ein kleines Frühstück im angrenzenden Hotel durfte ich mir auch noch schmecken lassen. Besonders sympathisch war die musikalische Einstimmung durch einen Teilnehmer der Gesamtstrecke via Leinwand. Das Lied findet sich übrigens auf der Facebookseite des Swisspeaks. Es sollte nicht das letzte mal sein, dass ich diese fröhliche Stimme vernahm, aber dazu später mehr. 

Im Startblock sah ich dann noch ein paar andere deutsche Starter, plauderte ein wenig und fieberte dem Startschuss um 10 Uhr entgegen. Wie bei jedem anderen Rennen wurde schließlich kurz runter gezählt und ab ging es auf die Strecke hoch zum See. Gefühlt wurde ich gleich mal ordentlich durchgereicht, da kaum einer in der Lage war sein Tempo zu regulieren und mit Vollgas loslegte. Aber ich hatte ja Zeit und auf dem Weg zum Col de Prafleuri auf knapp unter 3000 m hatte ich Viele schon wieder eingeholt. Ein wirklich beeindruckendes und gleichzeitig anspruchsvolles Gelände, nicht zuletzt wegen dem Restschnee der hier noch vom Anfang der Woche lag. Im Übrigen streift man hier die Haute Route, eine berühmte Strecke von Chamonix nach Zermatt.

Nach anspruchsvollen Passagen bis zum zweiten Passübergang (Col de Louvie) ging es erst sanft, später recht steil der ersten größeren VP entgegen. Unten im Tal war es inzwischen ziemlich warm und die Verpflegung und vor allem die kühlen Wasserstellen waren eine wahre Freude. Gut verpflegt machte ich mich von hieraus auf den Weg zur Cabane de Mille. Der erste Teil des Trails zog sich kaum erkennbar und sausteil den Berg hinauf. Ich war gut drauf und überholte einige Läufer, von denen einige schon deutlich gezeichnet waren, obwohl noch keine 30 km geschafft waren. Zusätzlich zeigt sich hier das erste Mal, dass wir nicht immer zwingend da lang geschickt wurden, wo ein Trail bereits war, sondern gefühlt da lang wo durch uns ein Trail entstehen sollte. Zumindest war das eine der Theorien, die ich während des Laufens zu diesen „Geheimtipps“ mit der Zeit entwickelte.

In der Folge ging es einen traumhaften Trail auf gut 2000 m im lockeren auf und ab entlang mit tollen Weitblicken bis Verbier und noch viel weiter. Kurz vor der VP konnte ich dann ein kurzes Ständchen des laufenden Sängers vernehmen. Er stand singend am Wegesrand und ich überholte applaudierend. Als ich etwas später von der VP wieder aufbrach, kam er erneut singend eingelaufen und ich nahm mir noch ein wenig Zeit, um diese positive Energie zu genießen, denn vor mir lag der längste Downhill des gesamten Rennens. 1800 Tiefenmeter galt es zu überwinden. Anfangs war der Weg noch sehr moderat und genussvoll laufbar, zumal der Ausblick ins Mont Blanc Gebiet in der zunehmenden Abendsonne einzigartig war. Hier konnte ich mich nochmal zurück träumen und gut nachvollziehen wie wir die Woche vorher auf die Aiguille du Tour geklettert waren. Nach ein paar traumhaften Kilometern wurde es deutlich steiler und das Tempo ging merklich zurück, um die Muskulatur zu schonen. Nach einem so langen Downhill ist man schließlich froh, wenn es endlich wieder rauf geht. Auch wenn an dieser Stelle gleich der längste Anstieg des gesamten Rennens folgte.

Die erste Stunde gestaltete sich dabei mit dem Weg nach Champex-Lac recht entspannt und von hier war es nur noch ein Katzensprung bis zur ersten Lifebase nach gut 50 km, die ich bei Einbruch der Nacht und damit voll im Zeitplan erreichte. Das erste Bier war somit erreicht und ich konnte meine Reserven für die kommende Nacht ordentlich auffüllen. Wohl gestärkt und für die Nacht gerüstet verließ ich nach ausgiebigen Essen die Lifebase und machte mich zum Fenêtre d´Arpette auf knapp 2700 Meter Höhe auf. Eine Passhöhe die es in sich hatte. Der Weg hinauf wurde immer schwieriger und steiler. Die Passhöhe war eine kleine Erleichterung, aber was das folgte , war kaum besser, denn der Weg hinab gestaltete sich noch komplizierter, als der Aufstieg und war mit einigen Ausrutschern und Bruchlandungen verbunden. Entsprechend zog sich der Weg bis Trient runter deutlich länger als gedacht. Da mich aber faktisch keiner überholte, muss ich wohl immer noch gut unterwegs gewesen sein.

Nach netter Verpflegung in Trient ging es endlich mal einen Kilometer laufbar weiter und der Beginn des folgenden Anstieg ging sich sanft an. So hätte es weitergehen können, aber weit gefehlt. Jedesmal, wenn man während dieses Laufes dachte, welch angenehme Passage, so könnte es sich gern noch etwas dahin ziehen, wartete schon wieder der nächste Knaller. So auch hier. Der folgende Trail war wieder übel steil, schmal und teilweise recht nah am Abhang gelegen, sodass höchste Aufmerksamkeit weit nach Mittnacht gefragt war. Ausgespuckt wurde ich auf einem der ganz wenigen Asphaltstücken, welches direkt in den nächsten wurzligen Downhill mündete. Von oben hörte man bereits das Rauschen eines Gebirgsflusses und wähnte sich permanent gleich unten. Aber es zog und zog sich. Unten angekommen ging es nicht minder schwer nach Finhaut hinauf und damit der 72 km Marke entgegen. Keine 100 km mehr bis zum Ziel also.

Die VP in Finhaut verließ ich wieder gut gestärkt und setzte den beschwerlichen Aufstieg zum Col de Fenestral fort. Kurz nach der VP ging es wieder einen dieser „Geheimtipps“ hoch, den sicher einige Läufer verpasst haben im ersten Anlauf. Hier wurde es nun endgültig etwas zäh und der Plan am Vormittag in der nächsten Lifebase anzukommen, rückte zusehends in weite Ferne. Die Passhöhe erreichte ich irgendwann um 5 Uhr morgens. Es war eine sternenklare Nacht und absolut windstill, ein Moment in dem man einfach das Licht aus macht und die Natur in vollen Zügen genießt. Die so gewonnene innere Ruhe war auch bitter nötig, denn der folgende Abstieg war sicher das übelste, was ich je nachts und vielleicht sogar überhaupt in einem Rennen je runter musste. Prädikat völlig unlaufbar. Also Augen auf und Hände an den Fels wo nötig. Etwas weiter unten kam auch noch Schlamm und Morgentau dazu, sodass ich mich auch in der Passage hin und wieder abgelegte. Aber egal, als der Tag zu dämmern begann, befand ich mich schon wieder im Aufstieg zum Col d´Emaney. Ich war nun schon seit 4 Stunden seit der letzten VP unterwegs und es sollte sich noch etwas ziehen. Den Sonnenaufgang bekam ich an dieser Stelle nur indirekt mit, da ich mich im Schatten bewegte. Nichtsdestotrotz war es eine beeindruckende Szenerie, die leider nicht ganz soviel Kräfte wie erhofft freisetzte. Dennoch erreichte ich leicht angeschlagen die nächste VP am Lac de Salanfe. Um die Akkus wieder aufzuladen und der harten ersten Nacht etwas Rechnung zu zollen, legte ich auf einer „bequemen“ Bierbank für einen kurzen Powernap hin. 15 Minuten die alles ändern können und in diesem Fall auch taten. 

Der nun folgende Tag versprach bestes Wetter, dumm nur das die nächste Lifebase noch Stunden entfernt war und somit ein kurzes Oberteil und Sonnencreme vorerst unerreichbar waren. Kleine Planungspanne und ein deutliches Anzeichen, dass ich die letzten 30 km deutlich unterschätzt hatte. Über den letzten hochalpinen Pass (Col de Susanfe) muss ich mich nun in der prallen Sonne quälen. Eine tolle Landschaft, die im oberen Bereich an eine Vulkanlandschaft erinnert und weniger an die Alpen.

Der nächste VP bei der Cabane Susanfe bot dann leider wenig Schatten für die gut gegrillten Läufer, aber dafür ein superleckeres selbst gebackenes und reichhaltiges Brot. Eine gute Stärkung, wichtiger aber war, dass ich ab hier in einer wechselnden Gruppe laufen konnte, was mir deutlich half wieder besser in den Laufschritt zu kommen. Richtig spannend wurde es dann kurze Zeit später im Abstieg, bzw. beim abklettern. An dieser Stelle begleitete ich einen Läufer mit Höhenangst, der sich zur „Sicherung“ eine Bandschlinge nebst Karabiner an der Laufweste befestigt hatte. Eine im besten Falle mentale Hilfe, aber mit etwas Geduld meisterten wir die Stelle und mir selbst half diese Passage wieder etwas die Kräfte zu konzentrieren. Unsere kleine Gruppe bewegte sich langsam und zielstrebig Richtung Barme, wo endlich die ersten gut 100 km geschafft sein sollten. Mental ein echter Meilenstein in solch einem Rennen.

Vermeintlich gut gestärkt ging ich in der Folge die letzte Etappe zur nächsten Lifebase an. Die Mittagsstunde war lang überschritten und die Sonne zeigte sich unnachgiebig. Dieser eigentlich leichtere Teil forderte plötzlich alles von mir. Der Berg wurde unendlich lang und die Augen fielen mir fast zu. Es zog eine unvermeidliche Krise auf. Verpflegt und hydriert war ich top, aber der Schlafmangel wollte mich für den Moment nicht loslassen. Jedes Plätzchen schien mir recht für ein Nickerchen, aber ich gestattete mir keine Pause, sondern arbeitete mich unerbittlich vorwärts. Der Kopf wollte und das Fleisch wurde langsam wieder willig gedacht. Bergab ging es dann auch wieder etwas leichter und im nächsten Gebirgsbach setze ich mich in die kalte Strömung, um die Beine und auch den Kopf nochmals etwas wach zu rütteln. Es funktionierte und so konnte ich mit wieder erstarkendem Willen und etwas frischeren Beinen konstant Meter machen. Blöd nur das jetzt Schuhe und Füße endgültig aufgeweicht waren, was mir fast zum Verhängnis geworden wäre. Zum Glück kam alsbald die ersehnt Lifebase in Sicht. Eigentlich hatte ich mich hier vormittags erwartet, aber inzwischen war es bereits um fünf Uhr rum. Nun gut, man muss es nehmen wie es kommt und aufgeben war hier und auch sonst nie eine ernsthafte Option. Ich nahm mir hier etwas mehr Zeit zum Essen, zog mich komplett um und legte vor allem die Füße wieder trocken. Auch die Schuhe wechselte ich. EvoSpeedgoat aus, EvoMafate 2 an. Eine echte Wohltat. Die Unterstützung durch Verena, die ich eigentlich erst beim nächsten VP in Morgins erwartet hatte, kam mir an dieser Stelle sehr gelegen und machte die Organisation deutlich einfacher. Einzig ein kurzes Shirt und Sonnencreme brauchte ich an dieser Stelle nicht mehr. Eigentlich hatte ich ja ein bisschen darauf spekuliert nicht zwingend eine komplette zweite Nacht laufen zu müssen, aber das war schon lange in weite Ferne gerückt und so stellte ich mich mental auf das Unvermeidliche ein, während ich von der Lifebase wieder aufbrach und den Col de Portes du Soleil zu erklomm.

Der Anstieg war wieder deutlich besser zu machen, als die Vorangegangenen und der folgende Downhill, erst steiler, später angenehm flach nach Morgins brachte mich schnell in bekannte Gefilde. Hier in Morgins hatten wir die Tage rund um den Lauf verbracht und man glaubt gar nicht,  welche Wirkung es hat, plötzlich in bekannten Terrain unterwegs zu sein. Dieses Stück hatte ich mir immer wieder vor Augen geführt und kam daher gut voran. Kurz vor Morgins überkam mich allerdings wieder ein kleines Tief und ich entschloss mich in Morgins zu einem zweiten 10 minütigen Powernap, bevor endgültig wieder die Nacht hereinbrach. Das letzte Bier war getrunken und ich verabschiedete mich von Verena, um auf das letzte vermeintlich leichte Stück zu gehen. Was sollte dieser letzte Marathon schon zu bieten haben. Und zag bog der Weg wieder alla direttissima in den Wald ab und nahm mehrfach den direkten Weg bergauf. Wer braucht schon Spitzkehren?

Oben angekommen über Morgins, ging es nicht minder steil wieder bergab und ich landete wieder mehrfach auf meinem Allerwertesten. Leicht ist definitiv anders, aber die nächste VP entschädigte dafür mit der wohl besten Zwiebelsuppe, die ich je hatte. Anschließend leicht räuspern und weiter in den nächsten Anstieg Richtung Tour de Don. Und wieder auf der direttissima. Ja sag mal bin ich hier beim Vertical K oder einem 100 Meiler? Wer zum Teufel hat sich diese Streckführung ausgedacht? Zwischendrin meinte mal ein Mitläufer die Schweizer kennen nur steil, aber das hier erscheint mir für den Moment echt aberwitzig. Als wollte mir einer sagen, so leicht machen wir es dir nicht, auch hier haben wir noch geile Anstiege. Nun gut, es half ja alles nichts, also Augen auf und durch. Zur Belohnung folgt ein wunderbarer Grat und ein Lauf an einer aussichtsreichen Felskante. Prägende Bilder, wenn auch hart erkämpft. 

Inzwischen war es um mich wieder recht einsam geworden. Ich überholte zwar hier und da ein paar Läufer und von hinten kamen immer mal wieder ein paar flotte Läufer der 90k Strecke, aber so richtig wollte sich nichts mehr zusammenfinden. Einem langen Downhill nach Torgon, folgte ein gemäßigter Uphill, zumindest für Schweizer Verhältnisse. Fast oben angekommen, gab es nach längerem nochmal einen VP und somit eine ordentliche Stärkung. Eigentlich hätte man hier länger verweilen können, aber das Ziel kam langsam merklich näher und so machte ich mich auf über die vorletzte Kuppe, lief nochmal einen netten Downhill runter, nur um im folgenden den letzten Schweizer Uphill zu genießen. Mit vollem Armeinsatz stemmte ich mich förmlich den Berg hinauf. Was sollte jetzt noch schief gehen? Gut, die Gesichter die sich in der Nacht aus Geästen, Wiesen, Sträuchern und Wegen formten, zeigten doch ein kleines Schlafdefizit an, aber andererseits war es auch immer wieder spannend im letzten Moment zu entdecken, was da eigentlich am Wegesrand wächst. Und so war auch das mehr ein spannender Zeitvertreib und brachte nochmal etwas Abwechslung ins Laufen herein. Solange man sich der Einbildungen bewusst ist, gleicht es schon fast einem Spiel. Und schließlich ging es fortan nur noch bergab. Dem Vernehmen nach sollte es gut laufbar sein und so mobilisierte ich den geschundenen Körper nochmal und setzte im Laufschritt zum finalen Downhill an. Die ersten zwei, drei Kilometer gelang das noch ganz gut, aber etwas später musste ich doch überwiegend ins wandern verfallen. Bei einer Pace von über 10 min/km wollten die hm einfach nicht recht purzeln und der See kam einfach nicht näher. Wirklich etwas zermürbend, aber nach so langer Zeit doch wieder leicht zu akzeptieren. So ein Lauf lehrt einfach Demut und so nahm ich es wie es kam.

 

Schließlich ging es nochmal in den Wald auf einen weichen nadelbedeckten Trail und plötzlich konnte ich auch wieder rudimentär laufen. Und dann hatte ich nur noch 1,5 flache Kilometer vor mir. Plötzlich stiegen gemischte Gefühle in mir auf. Einerseits war ich überwältigt und glücklich es so gut wie geschafft zu haben, aber auf der anderen Seite war da auch ein bisschen Trauer, das ein so großartiges Abenteuer langsam in der Dämmerung eines neuen Tages zu Ende ging. Dem Lauf angemessen, fiel ich noch einmal in einen leichten Trab und beende die letzten Meter laufend. Im Ziel angekommen herrschte kurz nach Sechs gähnende Leere, ein bisschen wie in mir selbst. Geschafft, aber was hier eigentlich passiert war, sickerte erst sehr langsam in mich ein. Verena begrüßt mich glücklich im Ziel und gemeinsam erlebten wir, wie ein neuer Tag anbracht und neue Ziele verhieß.

 

 

Wer weiß was als Nächstes kommt, aber das war mit Sicherheit nicht das letzte sehr lange Abenteuer. Am Ende standen 44:07 h auf der Uhr, Platz 54 bei den Herren und Platz 60 Overall von über 300 Startern. Nicht einmal die Hälfte der Läufer erreichte das Ziel. 

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